Das echte (nackte) Sauna-Erlebnis

 

Ich hatte noch nie ein authentisches Sauna-Erlebnis, bevor ich nach Österreich zog. Die Eltern eines Freundes von mir hatten eine Sauna zu Hause, in die wir ein paar Mal als Teenager gingen. Natürlich hatten wir unsere Badehosen an.

Es gab eine Sauna in meinem Fitnesscenter in England und natürlich trug man auch dort seine Badehose bzw. seinen Badeanzug. Wir dachten, so muss das auch sein. Wenn ich mich nicht irre, gibt es in England keine öffentlichen Saunen, in die man nackt geht. Das Gegenteil ist der Fall. Würde man eine Sauna nackt betreten, würde man wahrscheinlich als Perversling gelten und hochkant rausgeschmissen werden.

Alles, was wir damals machten, war hinsetzen und nach ein paar Minuten wieder rausgehen. Zurückblickend war das natürlich sinnlos. Ja, man schwitzte ein bisschen, aber die ganze Wohltat einer Sauna – den sogenannten Kneipp-Effekt – bekam man nicht.

Die Kneipp-Methode wurde schon im antiken Rom angewandt, aber dessen Gesundheitsaspekte wurden erst von Sebastian Kneipp (1821 – 1897) richtig bekannt gemacht. Kneipp war ein katholischer Priester in Bayern, der an Tuberkulose litt und unterschiedliche Wasserbehandlungen ausprobierte um so etwas wie ein Heilmittel zu finden.

Sebastian Kneipp
Sebastian Kneipp. Foto: Wikipedia

Es gibt verschiedene Hydrotherapien, aber der Gedanke hinter der Kneipp-Methode ist das Aufwärmen und Abkühlen der Haut, was sich positiv auf den gesamten Körper auswirkt:
„Die temporäre Verengung der Blutgefäße mit anschließender Gefäßerweiterung fördert die Durchblutung im ganzen Körper. Das stärkt die Abwehrkräfte, regt Kreislauf, Nervensystem sowie den Stoffwechsel an und belebt den Körper.“
Quelle: kneipp.com

Natürlich wollte ich diese Hydrotherapie nun selbst ausprobieren. Helene und ich fuhren ins Sauna-Paradies nach Erding in der Nähe von München. Ich dachte, wir würden vielleicht für eine Stunde dort sein, aber falsch gedacht, wir verbrachten den ganzen Tag und Abend dort. Ich dachte ursprünglich, wie kann man nur den ganzen Tag in der Sauna verbringen?

Das Eigenartige daran war die Nacktheit – für mich. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit nackt zu sein, in meiner Uni-Zeit war ich im Rugby-Team, also war ich mit Nacktheit in der Öffentlichkeit vertraut (in Rugby-Teams in England geht es manchmal recht wild zu).

Es hatte etwas Nudistenhaftes, dieses Nacktsein und So-Tun-Als-Ob-Alles-Normal-Wäre vor hunderten von Leuten. Ich dachte wirklich, dass das alles sehr merkwürdig ist, aber es sollte sich als das einzig wahre Sauna-Erlebnis herausstellen.

Was mir auch etwas Sorgen bereitete: Würde ich erregt werden, wenn ich so viele nackte Frauen um mich herum sehe? Der Gedanke, dass mein „bester Freund“ stramm stehen könnte, löste Unbehagen in mir aus. Aber Helene versicherte mir, dass es nichts Sexuelles ist, wenn man nackt mit anderen Leuten in der Sauna sitzt.

Die Therme Erding ist Sauna hoch zehn. Es ist ein riesiger Spa-Komplex mit ungefähr 20 bis 30 Saunen mit unterschiedlichen Themen und Temperaturen. Weiters gibt es Innen- und Außen-Pools und Textilzonen für Familien, auch mit Pools und tollen Wasserrutschen. Fantastische Restaurants und Poolbars obendrauf. Ein ganzer Tag und Abend reicht manchmal nicht aus, gut, dass es mittlerweile auch ein Hotel dort gibt.

Die erste Sauna für uns war die legendäre Keltenthronsauna im Stonehenge. Wenn man die 6 Meter hohe runde Pyramide betritt, merkt man sofort, dass hier Profis am Werk sind. Ich zählte 80 Leute, die auf den unterschiedlichen Ebenen saßen und auf die Show warteten.

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Keltenthronsauna in der Therme Erding. Foto: Therme Erding

Show? Ja, der Aufguss. Dies ist eine Praxis aus Finnland, wobei man Wasser und/oder Eis auf den Saunaofen und seinen heißen Steinen gießt, was für zusätzliche Hitze sorgt, die in der Sauna zirkuliert.

Da diese spezielle Sauna an die Kelten erinnern soll, trägt der Saunameister („der Wachtler“) manchmal einen Kapuzenmantel. Er oder sie begrüßt die Saunagäste, klärt über die Anzahl der Aufgussrunden und den Duft des Aufgusswassers auf und fordert dazu auf, dass sich jemand auf den Thron als König oder Königin begibt.

Der Thron ist der höchste Punkt der Sauna, dort oben wird es am heißesten. Sogar die Stufen rauf zum Thron sind fast schon unerträglich heiß, geschweige denn 10 Minuten auf dem Thron sitzen. Sollte der König bzw. die Königin den Thron frühzeitig (vor Aufgussende) verlassen, muss er oder sie eine Runde ausgeben.

Das Licht wurde gedimmt und farbige Lampen leuchteten auf. Dramatische klassische Musik wurde gespielt. Ich glaube, es war die Musik von Fluch der Karibik, danach ein Stück aus dem Film Dracula.

Aufgussrunde 1 begann. Das Zischen auf dem Ofen in der Mitte der Sauna übertönte die Musik. Der Saunameister stieg auf die mittlere Plattform um über dem zwei Meter hohen Ofen zu stehen. Mit einer riesigen Flagge wachtelte er zum Rhythmus der Musik.

Mir ging es noch recht gut, alles schien in Ordnung und auf einmal BUMM. Der Saunameister wachtelte die heiße Luft direkt in unsere Richtung. Eine unglaubliche Hitze umhüllte meinen ganzen Körper. Das war krass, einfach nur krass! Mir war so heiß, dass es schon kalt schien. Helene lachte über mich, weil wir lediglich auf der zweiten Ebene saßen. Aber insgeheim wünschte ich mir, dass wir auf der untersten sitzen würden.

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Der Saunaofen.

Manche Saunagäste jubelten, andere (wie ich) schrien, und das war nur der Anfang. Zum Schluss fühlte es sich an, als würden meine Finger explodieren. Beim dritten und letzten Aufguss wachtelte der Saunameister die Flagge noch schneller, die Leute klatschten und jubelten, ich war den Tränen nahe.

Stammgäste schrien „hei hei hei hei“ im Takt und hörten nicht auf zu klatschen. Die Musik endete mit einem Crescendo als ich wie von einer Tarantel gestochen aus der heißen Hölle flitzte. Die meisten Leute blieben noch ein bisschen länger und jubelten, als ob sie gerade die Zugabe ihrer Lieblingsband live erlebt hätten.

Ich dachte nur „die haben alle einen an der Waffel“. Jeder, nackt wie Gott uns schuf, stand im Freien um sich an der frischen Winterluft etwas abzukühlen. Ich war froh, draußen zu sein.

Und als nächstes: Kneipp – ab in das eiskalte Tauchbecken! Für ein paar Sekunden bis eine Minute kühlt man sich ab. Wichtig ist mit den Füßen zu beginnen, da das eiskalte Wasser sonst zu viel für den Kopf oder das Herz sein könnte.

Einer nach dem anderen stiegen wir rückwärts Schritt für Schritt in das Tauchbecken, das Atmen wich einem Hecheln, ab und zu hörte man einen kurzen Aufschrei. In das eiskalte Wasser zu steigen kostete Überwindung. Aber gleich danach war das wohlige Gefühl umso schöner.

Als ich aus dem Tauchbecken wieder rausstieg, strömte das Blut wie wild durch meinen ganzen Körper. Ich war sehr überrascht und beeindruckt, vor allem weil mir auf einmal sehr warm war und ich tiefenentspannt war. Jetzt verstehe ich, warum Saunieren so beliebt ist.

Es war eine unglaublich tolle Erfahrung, die ich mittlerweile regelmäßig (jede Woche) in unserem Fitnesscenter hier in Innsbruck (Happy Fitness) genieße. Und ich kann mit Stolz behaupten, dass ich es einmal schaffte der König in der Keltenthronsauna in Erding zu sein. Sooo heiß war es dann auch wieder nicht. Die heißeste und unangenehmste Stelle war die Sitzfläche des Throns.

Ja, jeder ist nackt, aber es hat nichts mit Sexualität oder Perversion zu tun. Das Beste am Saunieren ist die Tiefenentspannung und die Gesundheitsaspekte des Kneipp-Effekts.

Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder anders saunieren möchte. Und, was ist deine Lieblings-Sauna?

Ashley Wiggins.

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